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Warum Musik unser Gehirn verändert – und warum Klavierspielen wie ein Ganzkörpertraining fürs Gehirn ist

15. Juni
3 Min. Lesezeit


Kennst du das, du setzt dich zum Klavier und es ist etwas frisch im Zimmer - aber sobald du richtig anfängst zu üben musst du eine Lage loswerden und erstmal durchatmen? Jaja ich kenn das auch, es wird warm beim Klavierspielen ;-)


Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was in deinem Gehirn passiert, wenn du Klavier spielst?

Während viele Freizeitaktivitäten nur einzelne Bereiche unseres Gehirns beanspruchen, gehört Musizieren zu den komplexesten Aufgaben überhaupt. Beim Klavierspielen lesen wir Noten, hören die gespielten Töne, koordinieren beide Hände unabhängig voneinander, halten den Rhythmus, versuch uns an musikalische Muster zu erinnern und drücken gleichzeitig Emotionen aus. Alle diese Prozesse finden innerhalb von Sekundenbruchteilen statt.

Kein Wunder also, dass Neurowissenschaftler das Musizieren häufig als eine Art „Ganzkörpertraining für das Gehirn“ bezeichnen.


Das Gehirn spielt immer mit

Wenn wir musizieren, werden zahlreiche Gehirnregionen gleichzeitig aktiviert:


  • Das Hörzentrum verarbeitet Tonhöhen, Klänge und Harmonien.

  • Motorische Areale steuern die Bewegungen von Händen und Fingern.

  • Das visuelle System verarbeitet Noten und Symbole.

  • Gedächtniszentren helfen uns, Melodien, Fingersätze und musikalische Strukturen abzurufen.

  • Aufmerksamkeitsnetzwerke sorgen dafür, dass wir uns konzentrieren und flexibel reagieren können.

  • Emotionale Zentren verleihen der Musik Ausdruck und Bedeutung.


Beim Klavierspielen arbeiten diese Bereiche nicht nacheinander, sondern in einem hochkomplexen Zusammenspiel. Genau diese gleichzeitige Aktivierung macht das Musizieren so einzigartig.


Klavierspielen trainiert beide Gehirnhälften


Besonders faszinierend ist das Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften.

Die linke Hemisphäre ist häufig stärker an analytischen Prozessen beteiligt, beispielsweise beim Lesen von Noten, beim Erkennen von Strukturen oder beim Zählen von Rhythmen. Die rechte Hemisphäre ist häufig stärker an der Verarbeitung von Melodien, Klangfarben, Kreativität und emotionalem Ausdruck beteiligt.

Beim Klavierspielen werden beide Gehirnhälften ständig miteinander verbunden. Das geschieht über den sogenannten Balken (Corpus Callosum), ein Bündel von Millionen Nervenfasern, das die beiden Hirnhälften miteinander kommunizieren lässt.

Studien zeigen, dass insbesondere bei Musikerinnen und Musikern diese Verbindungen oft stärker ausgeprägt sind als bei Nichtmusikern. Das deutet darauf hin, dass regelmäßiges Musizieren die Zusammenarbeit verschiedener Gehirnnetzwerke fördern kann  (weshalb ich auch immer nur allzu gerne bei Koordinationsspielen mitmache, weil ich da meistens richtig gut drin bin).


Und jetzt die richtigen GOOD NEWS!

Unser Gehirn bleibt formbar


Eine der spannendsten Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaft lautet: Unser Gehirn ist plastisch.

Neuroplastizität bedeutet, dass dein Gehirn lebenslang neue Verbindungen bilden und bestehende Netzwerke verändern kann. Jedes Mal, wenn du ein neues Stück lernst, einen ungewohnten Rhythmus übst oder eine schwierige Passage wiederholst, wird dein Gehirn herausgefordert, neue neuronale Wege zu entwickeln.

Und Fehler gehören dazu, ehrlich! In dem Moment, in dem dein Verstand bemerkt, dass etwas nicht funktioniert, und eine Bewegung korrigiert, passt sich das Gehirn an und optimiert seine Netzwerke. Freu dich also über Fehler. Es ist Zeit, dieses alte Muster des Fehlerschämens loszulassen. Bei mir im Unterricht arbeiten wir mit heiterer Gelassenheit ;-)

Bottom Line: Musizieren ist also weit mehr als das Erlernen eines Instruments – es ist kontinuierliches Gehirntraining.


Warum das gerade heute wichtig ist


Unser Alltag ist oft geprägt von Multitasking, Reizüberflutung und ständiger Ablenkung. Viele Tätigkeiten erfordern nur kurze Aufmerksamkeitsspannen, vor allem wenn wir viel am Scrollen sind.


Musizieren hingegen fordert etwas, das immer wertvoller wird: tiefe Konzentration, Geduld, Koordination, Wahrnehmung und die Fähigkeit, über längere Zeit fokussiert zu bleiben.

(Das Thema Geduld am Klavier verdient einen eigenen Artikel, sagen wir nur so viel: Wenn man eines lernt beim Klavierspielen, dann Geduld! Und die findest du nur, wenn du dich dem Prozess hingibst und keine Eile hast irgendwo anzukommen.)


Bereits wenige Minuten bewusstes Musizieren können Momente schaffen, in denen das Gehirn vollständig präsent ist. Genau diese intensive Aktivierung verschiedenster Netzwerke macht Musik zu einem außergewöhnlichen Werkzeug für lebenslanges Lernen und geistige Fitness.


Die eigentliche Magie der Musik


Vielleicht ist das Schönste am Musizieren, dass wir die Veränderungen nicht nur im Gehirn messen können, wir können sie auch fühlen.

Wer regelmäßig musiziert, kennt dieses Gefühl: Man ist vollkommen im Moment. Gedanken treten in den Hintergrund, Zeit scheint anders zu vergehen und Körper, Geist und Emotionen arbeiten plötzlich als Einheit zusammen.

Jedes Mal, wenn wir uns ans Klavier setzen, trainieren wir also nicht nur unsere Finger. Wir fordern unser Gehirn heraus, neue Verbindungen zu knüpfen, flexibler zu werden und sich immer wieder neu zu organisieren.

Vielleicht ist genau das eine der größten Heilkräfte der Musik: Sie erinnert uns daran, dass Lernen, Entwicklung und Veränderung ein Leben lang möglich sind.

Viele meiner SchülerInnen sind über 60, auch über 70! Und ja, die meisten davon waren komplette Anfänger, glaubs oder nicht. Und! Fast immer ist es so, dass Fortschritt viel schneller passiert als anfangs angenommen - und ich bekomme immer wieder rückgemeldet wie sich das Klavierspiel auch positiv auf andere Bereiche des Lebens auswirken, egal ob es um Gedächtnis, Gemütszustand, Koordination, musikalisches Verständnis oder auch einfach "nur" Wohlbefinden geht.


Hast du Fragen zu oder rund um dieses Thema? Schreib mir eine Mail oder über Instagram!

 
 
 

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